Meine Tasse war verschwunden. Ich hatte mir eben erst frischen Kaffee eingegossen und wollte ins Büro gehen. Aber ich hatte es geschafft, die Tasse irgendwo abzustellen und nicht mehr zu wissen wo. Irgendwann zweifelt man ja am eigenen Verstand oder glaubt, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Ich war mir sicher, dass ich nicht noch in einem anderen Raum gewesen war oder sonst einen Umweg genommen hatte. Die Tasse war weg.
Schon ziemlich genervt – der Kaffee würde ja inzwischen nicht wämer werden – fragte ich die Kinder, ob sie mir einen Streich spielen wollten. Aber die versicherten mir glaubwürdig, dass sie nichts mit meiner Tasse zu schaffen hätten. Schließlich gab ich auf und wollte mir eine neue nehmen.
In diesem Moment fiel mein Blick auf den Tisch, vor dem ich eben die ganze Zeit gestanden hatte. Dort stand eine bunte Tasse mit noch dampfendem Kaffee … ich hatte sie nicht gesehen, denn … sie war BUNT. Gesucht hatte ich eine ROTE Tasse.
Ich hatte völlig vergessen: ich hatte mir nicht wie gewohnt eine rote, sondern eine bunte Tasse genommen. Ich habe das Gesuchte direkt vor mir nicht gesehen! Mein Suchfilter war falsch eingestellt.
Da kann man mal sehen. Ich sehe nur das, was mein Filter durchlässt. Je nachdem wie ich meinen Filter einstelle, sehe ich nur rote Tassen. Das ist mein ganz eigener Blickwinkel bzw. Sichtweise.
Filter gibt es sicher mehr als genügend. Sie entstehen durch unsere Erfahrungen, Eindrücke und dem, was wir an eigenen Urteilen und Gefühlen dazu abspeichern. Das fängt im Mutterleib an. Wir bilden Sicht- und Denkstrukturen. Jeder seine eigenen. Wenn ich aber ahne, dass mein Blickwinkel nur ein Ausschnitt des Ganzen ist, kann ich etwas dafür tun, größere Ausschnitte zu sehen, die mit den bunten Tassen!
Um neue Sichtweisen zu entwickeln, ist es gut, aus der Situation, die man gerne ändern möchte, innerlich herauszutreten. Stell Dir vor, Du könntest Dich selbst dabei aus einer gewissen Entfernung beobachten. Beobachte ohne zu werten. Beobachte Deine Aktionen und Reaktionen. Beobachte Deine Gefühle und Gedanken. Wichtig ist, nicht zu urteilen. Durch das Zurücktreten, den Blick von außen entsteht eine andere, neutralere Perspektive, die ein direkt Betroffener kaum haben kann. Das ist sicher keine leichte Übung. Aber je häufiger Du das probierst, desto besser gelingt es.
Eine weitere Möglichkeit ist, sich bewusst Fragen zu stellen: Wie könnte ich das anders sehen?, Wie könnte ich das anders bewerten?, Gibt es eine andere Lösung?, Was kann ich tun, um die Situation zu ändern? Diese Fragen kurz vor dem Schlafen gehen oder beim Aufwachen zu stellen, bringen das Unterbewusstsein auf Trab! Und das Unterbewusstsein ist oft deutlich pfiffiger als unser Verstand.
Auf jeden Fall ist die Absicht, die bunten Tassen sehen zu wollen, der wichtigste Schritt, um nicht mehr immer nur rot zu sehen
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